Bettdeckenraupenkokon

Was du wohl träumst
Wie du so neben mir liegst
Als ein einziger Bettdeckenraupenkokon

Ob du wohl schäumst
Vor Glück und fliegst
Über Wälder statt Berge aus grauem Beton

Was du versäumst
Während du Drachen besiegst
Ist nichts, nein, ich wünscht ich flög mit dir davon

Zug-Gedicht

Wie Pompeji vor dem Fenster
Aschenschwarz, nach Lavarot
Und am Himmel wie Gespenster
Ziehen Wolkenformen fort

Drinnen wird es immer heller
Relativ zur Schwärze draußen
Und der Zug fährt immer schneller
Als wollte er selbst nach Hause

Schweigend über Gleise eilend
Klug Musik und Buch gemieden
Und bewusst Gedanken teilend
Zug-Gedicht im Zug geschrieben

Worte

Wenn Worte nicht nur Worte wären
Worte wahre Orte wären
Welches Wort wär welcher Ort
Wenn Worte nicht nur Worte wären

Wäre Frieden Wald mit Moos
Wäre Liebe dann Neuschwanstein
Wäre Sicherheit dein Schoß
Wäre Trauer dann dein Grabstein

Für jeden hießen Orte anders
Jeder schrieb sein eigen Buch
Sein Lebenswerk, sein Weltenatlas
Nächstes Wort schon ausgesucht

Zigarettensohn

„Haste ma‘ ne Kippe?“, stoße und nuschele ich den Typ neben mir an. Er blickt verstört von seinem Handy auf, als sei ich nicht ganz richtig im Kopf. Erst als er mich unter der grauen Kapuze erkennt, klärt sich sein Gesicht auf. „Mensch Tom, bist du das? Warum fragst du sowas überhaupt? Bist du betrunken? Du solltest wirklich aufhören, Tom.“ Ich schnaube nur genervt und drehe mich weg. Überlege kurz etwas Bissiges zu entgegnen, gehe dann aber weiter. Ich schwanke leicht. Klar war ich betrunken, es ist Freitag und nüchtern hätte ich ihn wohl kaum nach einer Kippe gefragt. Wer war an einem Freitag Abend nicht betrunken? Ich brauchte wirklich eine Zigarette. Warum hatte ich nur meine Packung daheim vergessen?
Natürlich war es sinnlos gewesen, den Typ neben dem Eingang des Pubs nach einer Kippe zu fragen. Niemand rauchte mehr. Also außer mir. Schon seit Jahren nicht mehr. Der Gesundheitswahn der letzten Jahrzehnte hatte nach und nach jeden Menschen dazu bewegt, die ungesunde Gewohnheit aufzugeben. Wirklich jeden. Außer mich. Die konnten mich mal. Auch wenn ich mittlerweile durch meine Sturheit eine unangenehme Berühmtheit erlangt hatte. ‚Rauch-Arsch‘ wurde mir manchmal hinterher gerufen, wenn ich qualmend an einer Bushaltestelle vorbeiging und alle demonstrativ das Husten anfingen. Oder ‚Stummelspasti‘. Bei den Jugendlichen war ‚Zigarettensohn‘ gerade sehr beliebt.
Aber es störte mich nicht. Zumindest nicht so sehr wie die Anzeigen und Werbetafeln. Nachdem ich die einzige noch rauchende Person auf der Welt war, wurden Anti-Rauch Kampagnen auf einmal ziemlich persönlich. „Was ist schwarz und bringt sieben Jahre Pech mit sich? Deine Lunge, Tom!“, musste ich jeden Tag auf dem großen Werbeplakat vor meiner S-Bahn-Haltestelle lesen. Alle wollten mich auf einmal mit Gewalt von meinen Zigaretten wegbringen. Nicht mit mir.
Ich schwanke an meinem Stamm-Döner vorbei. „Ey Tom!“, brüllt mir ein Typ in blauem Hemd von der anderen Straßenseite entgegen. „Kriegste eigentlich noch einen hoch, du Rauch-Arsch?!“ Ich ignoriere ihn.
Endlich komme ich zu einem Zigarettenautomat. Ich kaufe direkt zwei Packungen, auf Vorrat. Zigarettenautomaten sind rar geworden. Die Schachteln fallen in den Ausgabeschacht und ich nehme sie in die Hand. „Rauchen schadet deiner zukünftigen Familie, Tom“, lese ich den Warnhinweis auf der einen. „Rauchend wirst du nie eine Frau abbekommen, Tom“ auf der anderen.
Warum hatte ich nur meine scheiß Kippen daheim vergessen.

Caro nostra mortalis

Unser sterblicher Körper

Wachsend, verändernd, ein Zeichen der Reife,
Im Gleichschritt des Geistes, geformt um zu zeigen,
Was wichtig, was gut und was schön für uns ist,
Die Flagge der Seele, nach außen gehisst.