Zigarettensohn

„Haste ma‘ ne Kippe?“, stoße und nuschele ich den Typ neben mir an. Er blickt verstört von seinem Handy auf, als sei ich nicht ganz richtig im Kopf. Erst als er mich unter der grauen Kapuze erkennt, klärt sich sein Gesicht auf. „Mensch Tom, bist du das? Warum fragst du sowas überhaupt? Bist du betrunken? Du solltest wirklich aufhören, Tom.“ Ich schnaube nur genervt und drehe mich weg. Überlege kurz etwas Bissiges zu entgegnen, gehe dann aber weiter. Ich schwanke leicht. Klar war ich betrunken, es ist Freitag und nüchtern hätte ich ihn wohl kaum nach einer Kippe gefragt. Wer war an einem Freitag Abend nicht betrunken? Ich brauchte wirklich eine Zigarette. Warum hatte ich nur meine Packung daheim vergessen?
Natürlich war es sinnlos gewesen, den Typ neben dem Eingang des Pubs nach einer Kippe zu fragen. Niemand rauchte mehr. Also außer mir. Schon seit Jahren nicht mehr. Der Gesundheitswahn der letzten Jahrzehnte hatte nach und nach jeden Menschen dazu bewegt, die ungesunde Gewohnheit aufzugeben. Wirklich jeden. Außer mich. Die konnten mich mal. Auch wenn ich mittlerweile durch meine Sturheit eine unangenehme Berühmtheit erlangt hatte. ‚Rauch-Arsch‘ wurde mir manchmal hinterher gerufen, wenn ich qualmend an einer Bushaltestelle vorbeiging und alle demonstrativ das Husten anfingen. Oder ‚Stummelspasti‘. Bei den Jugendlichen war ‚Zigarettensohn‘ gerade sehr beliebt.
Aber es störte mich nicht. Zumindest nicht so sehr wie die Anzeigen und Werbetafeln. Nachdem ich die einzige noch rauchende Person auf der Welt war, wurden Anti-Rauch Kampagnen auf einmal ziemlich persönlich. „Was ist schwarz und bringt sieben Jahre Pech mit sich? Deine Lunge, Tom!“, musste ich jeden Tag auf dem großen Werbeplakat vor meiner S-Bahn-Haltestelle lesen. Alle wollten mich auf einmal mit Gewalt von meinen Zigaretten wegbringen. Nicht mit mir.
Ich schwanke an meinem Stamm-Döner vorbei. „Ey Tom!“, brüllt mir ein Typ in blauem Hemd von der anderen Straßenseite entgegen. „Kriegste eigentlich noch einen hoch, du Rauch-Arsch?!“ Ich ignoriere ihn.
Endlich komme ich zu einem Zigarettenautomat. Ich kaufe direkt zwei Packungen, auf Vorrat. Zigarettenautomaten sind rar geworden. Die Schachteln fallen in den Ausgabeschacht und ich nehme sie in die Hand. „Rauchen schadet deiner zukünftigen Familie, Tom“, lese ich den Warnhinweis auf der einen. „Rauchend wirst du nie eine Frau abbekommen, Tom“ auf der anderen.
Warum hatte ich nur meine scheiß Kippen daheim vergessen.

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