Der Junge mit dem Tiger

Wer bemitleidenswerter Besitzer meiner Handynummer ist, kennt sehr wahrscheinlich bereits meine Leidenschaft für einen gewissen Comic. Es war das Jahr 1985, als Bill Watterson seinen ersten Calvin and Hobbes Cartoon in einer Zeitung veröffentlichte und den Startschuss für das Abenteuer der zwei meiner Meinung nach genialsten Comic-Charaktere aller Zeiten gab.

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18. November 1985: Wie alles begann.

Die Protagonisten von Wattersons Zeichnungen sind der sechsjährige Calvin und sein (Stoff-)Tiger Hobbes. Letzterer ist für Calvin real, sein bester Freund und letzte moralische Instanz vor geplanten Dummheiten seitens des Jungen, während er für alle Erwachsenen lediglich ein Stofftier ist. Was den Comic ausmacht, ist Calvins für einen sechsjährigen überdurchschnittliche Intelligenz und sein Verständnis komplexer philosophischer Ideen. Gepaart mit der Unbeschwertheit und Fantasie eines Jungen diesen Alters, ergeben sich Situationen die nicht nur unglaublich witzig sind, sondern fast immer auch zum Nachdenken anregen.

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„WAP WAP WAP“. Mein persönlicher Lieblingsstrip.

Ein immer wiederkehrendes Thema in dem in zeitweise in über 2400 Zeitungen veröffentlichten Comic ist die Sinnlosig- und Lächerlichkeit erwachsener Weltanschauungen – zumindest aus der Perspektive eines Kindes. Watterson will den allzu ernsten Erwachsenen den Spiegel vorhalten. Einen Spiegel in Form eines neunmalklugen, spitzbübischen Jungen, den oft nur sein bester Tiger-Freund belehren und zurückhalten kann.

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„THINK BIG! RICHES! POWER!“

Calvin and Hobbes Einstellung zum Leben wird, wie in obigem Strip, sehr oft zum Gegenstand des Comics. Für mich ist es eins der Dinge, die ich am meisten an diesen Cartoons liebe. Was für Hobbes das sonnige, warme Feld ist, ist für Calvin hoher Neuschnee an einem milden Wintertag. Unzählige Male ziehen die beiden in ihrem Schlitten oder Bollerwagen los, um sich in ein neues fantastisches Abenteuer zu stürzen. Immer den Moment genießend, immer den Sinn ihres Lebens hinterfragen.

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Wenn es gerade kein Abenteuer zu erleben gibt…

Hobbes fungiert oft als Calvins moralisches Gewissen. Er wirkt oft als der erfahrenere, ernstere Teil des Duos. Er selbst begründet das immer wieder damit, dass er „ein Tiger ist und Tiger den Menschen nun mal in allem, wirklich allem voraus sind“. So bringt er seinen in der Schule versagenden Spielkameraden oft wieder auf den Boden der Tatsachen, wenn dieser aus Frustration mal wieder die komplette Gesellschaft umkrempeln will.

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Tiger – für Hobbes die besseren Menschen.

Ich persönlich habe den Comic vor knapp 2 Jahren für mich entdeckt. Mittlerweile kenne ich glaub ich fast jeden Strip. Calvin und Hobbes erinnern einen auf einzigartige Weise daran, wie es war ein Kind zu sein. Wie es war, täglich Neues auszuprobieren, sich in Abenteuer zu stürzen, oder einfach nichts zu tun und den Tag zu genießen. Aber auch, wie die unangenehmen Aspekte des Kind seins waren. So spielen seine beiden („viel zu ernsten, nichts durchblickenden“) Eltern ebenfalls eine große Rolle im Comic, genau wie, hihi, Susie aus seiner Klasse.

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„Do you LIKE her??“      Hihi.

10 Jahre lang erschien der Comic in Zeitungen in über 50 Ländern. Bis 2010 wurden rund 45 Millionen Calvin-und-Hobbes-Bücher verkauft. Bücher, die es auch alle in der lokalen Bibliothek gibt – für die, die jetzt vielleicht auf den Geschmack gekommen sind und Lust bekommen haben, ihre Sicht aufs Leben von einem kleinen Jungen und seinem Tiger prüfen zu lassen.

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Vielleicht ist er eine Null in Mathe. Aber Geschäftssinn hat er.

Der letzte Calvin-und-Hobbes-Comic erschien am 31. Dezember 1995. Bill Watterson wollte das ganze beenden, bevor die Qualität der Geschichten unter einem Mangel an neuen Ideen leiden würden. Es gibt nicht viele Sachen, über die ich stundenlang begeistert reden könnte (auch wenn meine Freunde da vielleicht anderer Meinung sind), aber dieser Comic zählt auf jeden Fall dazu.

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Ich kann hier nicht mehr als einen winzigen Ausschnitt aus der Welt des zynischen Jungen und seinem Tiger präsentieren, einen für 10 Millisekunden dauernden Blick durch ein viel zu kleines Schlüsselloch. Wer selbst miterleben will, wie Calvin mit dem Schulsystem zu kämpfen hat, Weltraumschlachten ausfechtet, oder seinen Vater mit seiner Liebe zur Massenproduktion von Schneemännern in den Wahnsinn treibt, dem sei dieser Comic liebevoll ans Herz gelegt.

„There’s never enough time to do all the nothing you want“

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Der letzte Comic am 31. Dezember 1995. „It’s a magical world…“

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